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Pflegeheime brauchen dringend mehr Fachkräfte

Kategorie:Pressemitteilungen
Datum:11. Feb 1998

Hannover (KDA), 11. Februar 1998 - Die Beitragsüberschüsse der Pflegekassen sollten nicht nur als notwendige Finanzreserve verwendet werden. Die verfügbaren Mittel sollten auch dazu genutzt werden, um die Qualität der Altenpflege entscheidend zu verbesser

Hannover (KDA), 11. Februar 1998 - Die Beitragsüberschüsse der Pflegekassen sollten nicht nur als notwendige Finanzreserve verwendet werden. Die verfügbaren Mittel sollten auch dazu genutzt werden, um die Qualität der Altenpflege entscheidend zu verbessern. Das forderte das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) am Mittwoch vor Journalisten auf der Fachmesse „Altenpflege" in Hannover. Vor allem in den Pflegeheimen sei nach Jahren der Stagnation dringend ein Qualitätsschub erforderlich. Notwendig seien vor allem mehr und qualifiziertere Pflegekräfte, damit mehr Zeit für die Betreuung und Förderung älterer Heimbewohner vorhanden ist, eine genauere Pflege-Dokumentation erfolgt und sich die Arbeitsbedingungen verbessern.

Der Sozialgerontologe Rolf Gennrich, Referent für Betriebswirtschaft im KDA, verwies auf die zahlreichen Mängel, die die Medizinischen Dienste bei ihren bisherigen Qualitätsprüfungen festgestellt haben, sowie auf die bekannt gewordenen Mißstände, unter anderem in Münchener Pflegeheimen.

Erschreckend sei auch die Berufsflucht von examinierten Altenpflegekräften. Eine vom KDA unterstützte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hatte ergeben: 82 Prozent der Altenpfleger(innen) haben fünf Jahre nach Ausbildungsabschluß den Pflegeberuf wieder aufgegeben - meist wegen psychischer und körperlicher Überlastung.

Finanzprobleme durch Begrenzung der Heimentgelte

Um die Arbeitsqualität der Beschäftigten und die Lebensqualität der Pflegeheimbewohner nachhaltig zu verbessern, benötigen viele Alteneinrichtungen mehr Geld, sagte Gennrich. Während die Pflegeversicherung fast neun Milliarden Mark Finanzreserven habe, kämpften Pflegeheime - insbesondere diejenigen mit einem hohem Fachkräfteanteil - mit finanziellen Problemen. Dafür gebe es mehrere Gründe. Die Menschen, die heute ins Heim einziehen, sind mit durchschnittlich weit über 80 Jahren (Bayern: 86 Jahre) älter und haben einen erheblich höheren Pflegebedarf als früher. Der spätere Einzug ins Heim ist nach den Erkenntnissen des KDA auch eine Folge der Pflegeversicherung, die eine längere Betreuung zu Hause fördert.

Trotz dieser Entwicklung sind die Entgelte der Heime nunmehr schon seit fünf Jahren - zunächst durch das Bundessozialhilfegesetz, dann auch durch das Pflegeversicherungsgesetz - gedeckelt. Die Heimentgelte dürfen 1996, 1997 und 1998 nur um höchstens ein Prozent in den alten und um zwei Prozent in den neuen Bundesländern steigen. Die Pflegeeinrichtungen - so das KDA - könnten mit den begrenzten Budgets die in den letzten Jahren mühsam entwickelten Qualitätsstandards nicht halten.

Bis zu 30 Prozent geringfügig Beschäftigte in der Pflege

Vielfach würde jetzt das (Pflege-)Personal verringert und sozialversicherte Kräfte würden durch geringfügig Beschäftigte ersetzt. In Sachsen-Anhalt dürfen nach den Rahmenempfehlungen zur vollstationären Pflege jetzt sogar 30 Prozent der Mitarbeiter(innen) in der Pflege ohne Sozialversicherung arbeiten. Die bundesweit gültigen Empfehlungen billigen eine Quote von 20 Prozent 620-DM-Kräften zu.

Statt einer Pflege, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingehe, gebe es so vielfach nur noch eine Verwahrpflege, bemängelte das Kuratorium. Insbesondere verurteilte das KDA die Praxis einiger Heime, nachts und an Wochenenden überhaupt keine Pflegefachkräfte in den Wohnbereichen mehr zu beschäftigen. Dadurch entständen zahlreiche gefährliche Pflegesituationen.

Leistungsgerechte Heimentgelte notwendig

Spätestens ab 1999 - wenn die gesetzliche Deckelungs-Regelung ausläuft - dürfe es keine Begrenzung der Heimentgelte mehr geben, forderte das KDA. Die Altenhilfe-Organisation ist für leistungsgerechte Preise in der Pflege. Wer höhere Qualität mit größerem Fachkräfteanteil biete, müsse dafür mehr bekommen als ein Billiganbieter, dessen Pflege zweifelhaft sei, erläuterte Rolf Gennrich. Ein großes Problem sei aber, daß es in Deutschland derzeit kein Verfahren gebe, das eindeutig die Qualität der Pflege und des dafür benötigten Personaleinsatzes bestimmt. Die Altenpflege brauche deshalb dringend verbindliche Qualitätsstandards und ein anerkanntes, am Pflegebedarf orientiertes Personalbemessungssystem. Solche Verfahren werden nach den Erkenntnissen des KDA im Ausland längst angewandt.

Heimpersonalverordnung nicht lockern - Wichtiger Schutz für Ältere

Entschieden wandte sich das KDA gegen Pläne aus Bonn, die im Heimgesetz verankerte Heimpersonalverordnung abzuschwächen oder sogar abzuschaffen. Danach müssen bis zum Ablauf einer Übergangsfrist Mitte 1998 mindestens 50 Prozent der Betreuer(innen) in vollstationären Einrichtungen Pflegefachkräfte sein. Diese Fachkräftequote, die in sehr vielen Heimen immer noch nicht erfüllt werde, muß aus Sicht des KDA unbedingt weiter gelten. Sie sei eine wichtige Schutzbestimmung für Heimbewohner(innen), die erst 1993 - nach 20-jähriger Auseinandersetzung um eine qualifizierte Pflege - gesetzlich verankert wurde. Die Heimaufsichtsbehörden müßten aber wesentlich stärker für die Einhaltung dieser Schutzbestimmung sorgen, verlangte das KDA.

Beitragssenkungen unverantwortlich

Als „sozialpolitisch unverantwortlich" bezeichnete die Altenhilfe-Organisation den Vorschlag der FDP, die Beiträge zur Pflegeversicherung um 0,2 Prozentpunkte zu senken. Die Finanzreserven seien bei einer steigenden Zahl Älterer in absehbarer Zeit verbraucht. Auch in Bonn würden das jetzt wohl endlich maßgebende Politiker erkennen, stellte das Kuratorium fest. Überschüsse müßten den Pflegebedürftigen zugute kommen.