Zur Hauptnavigation springen Zum Seiteninhalt springen Zur Informationsnavigation springen

KDA fordert bessere Rahmenbedingungen

Kategorie:Pressemitteilungen
Datum:14. Okt 1997

Mainz (KDA), 14. Oktober 1997 - In Tagespflege-Einrichtungen werden ältere und hilfebedürftige Menschen, die zu Hause leben, (werktags) von morgens bis nachmittags betreut. Durch diese teilstationäre Betreuungsform können viele Pflegebedürftige auch weite

Mainz (KDA), 14. Oktober 1997 - Die Medizinischen Dienste, Pflegekassen, Ärzte, Krankenhaus-Sozialdienste, Sozialämter und Beratungsstellen sollten Menschen mit Pflegebedarf sehr viel stärker auf die Angebote und Vorteile der Tagespflege hinweisen. Das forderte das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) am Dienstag auf seiner Tagung "Tagespflege - Erfahrungen und Perspektiven nach 2 Jahren Pflegeversicherung" in Mainz.

In Tagespflege-Einrichtungen werden ältere und hilfebedürftige Menschen, die zu Hause leben, (werktags) von morgens bis nachmittags betreut. Diese teilstationäre Betreuungsform bietet aus der Sicht der KDA-Experten viele Vorteile: Die Pflegebedürftigen können auch dann weiter zu Hause wohnen bleiben, wenn tagsüber die Versorgung durch Angehörige nicht ausreichend gesichert ist. Eine oft unerwünschte und wesentlich teurere Unterbringung im Heim kann so verhindert oder zumindest wesentlich hinausgezögert werden. Durch die psychosoziale Betreuung werden die (noch vorhandenen) körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Tagespflegegäste erhalten und verbessert. Der Kontakt zu anderen Menschen verhindert Einsamkeit und Isolation. Und vor allem: Angehörige, die die Pflege zu Hause übernehmen, werden tagsüber entlastet.

Trotz dieser unbestreitbaren Vorteile und des im Pflegeversicherungsgesetz verankerten Grundsatzes, wonach ambulante und teilstationäre Leistungen Vorrang vor vollstationären haben sollen, sei die teilstationäre Tagespflege unter den alternativen Pflegeangeboten immer noch ein "Zwerg", berichtete das Kuratorium Deutsche Altershilfe vor der Presse in Mainz. So registrierten die Pflegekassen Anfang Oktober 1997 insgesamt 11.738 zugelassene ambulante Pflegedienste und 7.963 Heime mit vollstationärer Pflege, aber nur 1.673 zugelassene Tagespflege-Einrichtungen (davon 124 in Rheinland-Pfalz). Doch zahlreiche dieser registrierten Einrichtungen haben lediglich die Kassenzulassung, bieten aber tatsächlich - wegen der schlechten Rahmenbedingungen - gar keine Tagespflege im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes an.

Die bestehenden Tagespflegehäuser haben seit Einführung der Pflegeversicherung paradoxerweise oft Probleme, genügend Gäste für die vorgehaltenen Plätze zu bekommen. Nach einer Erhebung, die das KDA in Nordrhein-Westfalen im Herbst 1996 durchführte, waren die Einrichtungen hier im Durchschnitt nur zu 72 Prozent ausgelastet. Von den durchschnittlich 13 Plätzen in NRW-Tagespflegehäusern wurden so im Schnitt nur neun genutzt. Eine Umfrage des Saarbrücker ISO-Institutes bei 38 Tagesespflege-Einrichtungen, die im Rahmen eines Modellprogramms vom Bundesarbeitsministerium gefördert werden, ergab: Knapp die Hälfte der befragten Pflege-Institutionen hatten im ersten Halbjahr 1997 nur eine Auslastung unter 70 Prozent!

Ungünstige Rahmenbedingungen benachteiligen Tagespflege

Die relativ niedrige Auslastung der Tagespflege liegt nach Auffassung des KDA nicht daran, daß das Angebot schlecht ist. Ausschlaggebend seien vielmehr eine Reihe ungünstiger Rahmenbedingungen:

Die Information und die Beratung zur Tagespflege sei schlecht. Nach der KDA-Untersuchung in NRW waren die meisten Gäste entweder selbst oder über ihre Angehörigen auf die Tagespflege aufmerksam geworden. Dabei wurde immer wieder die Bedeutung der "Mund-zu Mund-Propaganda" betont. Äußerst bedenklich sei, daß nur in wenigen Fällen die Kontaktaufnahme über die Pflegekassen (12,5 Prozent), Medizinischen Dienste (8,3 Prozent) oder Sozialämter (17 Prozent) erfolgte. Sie wiesen - ebenso wie die Krankenhaus-Sozialdienste, Sozialstationen oder ambulanten Dienste - viel zu wenig auf die Angebote und Möglichkeiten der Tagespflege hin. In vielen Fällen empfiehlt das KDA eine Kombination von ambulanten und Tagespflege- Leistungen. Dies erfordere aber eine viel bessere Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Statt Kooperation dominiere aber vielerorts harte Konkurrenz. Dabei stehen die Tagespflege-Einrichtungen teilweise in direktem Wettbewerb zu Anbietern ambulanter oder vollstationärer Pflege (selbst aus den eigenen Verbänden). Das KDA sieht daher die Gefahr, daß sich regional ein ambulanter und vollstationärer Markt unter weitgehendem Ausschluß der Tagespflege bildet.

Eine Einbindung der Tagespflege-Einrichtungen in die Gesundheits- und Pflegeinfrastruktur fehlt an vielen Orten. Die KDA-Erhebung in NRW zeigte: Wo Tagespflegehäuser wenig Kontakt mit Sozialstationen, Krankenhaus-Sozialdiensten, gerontopsychiatrischen Fachabteilungen oder Beratungsstellen hatten, war in der Regel auch die Auslastung überdurchschnittlich schlecht. Das KDA empfiehlt daher eine gute Vernetzung mit anderen Pflege-Einrichtungen.

Altersverwirrte Tagespflege-Gäste bleiben fern

Die Nutzerstruktur in den bestehenden Einrichtungen hat sich seit Einführung der Pflegeversicherung erheblich verändert. Die Hauptnutzer sind jetzt ältere Menschen, die von den Kassen als Pflegebedürftige der Stufen I oder II anerkannt werden. Viele dementiell Erkrankte (Altersverwirrte), für die die tagesstrukturierende Betreuung in der Tagespflege besonders von Vorteil ist, bekommen aber keine Leistungen der Pflegekassen, weil ihr Pflegezeitbedarf angeblich zu gering ist. Da sie dann auch die Tagessätze (in NRW durchschnittlich 110 DM - ohne Fahrtkosten) in den Einrichtungen nicht bezahlen können oder wollen, bleiben sie fern. Um die Benachteiligung Pflegebedürftiger mit psychischen Erkrankungen (und hohem Aufsichtsbedarf) zu beseitigen, müssen nach Auffassung des KDA dringend die entsprechenden Begutachtungs-Richtlinien und Gesetzesbestimmungen geändert werden.

Sozialhilfeträger ziehen sich zurück

Die Sozialhilfeträger, die vor Einführung der Pflegeversicherung für viele (altersverwirrte) Tagespflegegäste (ergänzende) Leistungen gewährt haben, ziehen sich zunehmend aus der Finanzierung zurück. Der Anteil der Tagespflege-NutzerInnen, die (ergänzende) Sozialhilfe erhalten, beträgt in NRW nur noch 26 Prozent und ist damit deutlich gesunken.

Die monatlichen Tagespflege-Leistungen der Pflegekassen (bis zu 750 DM in Stufe I, 1500 DM in Stufe II und 2100 DM in Stufe III) reichen nur für den Besuch an wenigen Wochentagen. Wer von montags bis freitags betreut wird, muß also aus eigener Tasche erheblich zuzahlen. Die Zahl der Besucher, die an allen Wochentagen in die Tagespflege kommen, ist deshalb deutlich gesunken. Nach der ISO-Untersuchung kommen nur noch 44 Prozent der Gäste fünfmal in der Woche. Bei früheren Untersuchungen aus den Jahren 1993 und 1988 lag ihr Anteil weit über 50 Prozent. Mittlerweile ist dagegen die Zahl derjenigen deutlich gestiegen, die nur zweimal (21 Prozent) oder einmal (11 Prozent) pro Woche zur Tagespflege gebracht werden.

Übergangsregelungen zur Finanzierung sorgen für Unsicherheit

Zweieinhalb Jahre nach Einführung der Pflegeversicherung sind Abrechnungs- und Finanzierungsfragen zur Tagespflege immer noch nicht verbindlich geklärt. So gibt es in mehreren Bundesländern (etwa auch in NRW) immer noch "Übergangsregelungen" zur Vergütung dieser teilstationären Leistungen. Die Einrichtungen können so vielfach keine verbindlichen Auskünfte zu den genauen Kosten geben und müssen Rechnungen unter dem Vorbehalt der Nachberechnung ausstellen. Die Folge: Es herrscht eine große Unsicherheit, die manche Pflegekunden vom Besuch der Tagespflege abhält. Das KDA fordert daher endlich klare und verbindliche Finanzierungs-Regelungen ohne Übergangscharakter.