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KDA legt Eckpunktepapier zur Neuausrichtung kommunaler Altenhilfeplanung vor: Abkehr vom einseitigen Ausbau stationärer Pflege hin zu mehr Wohnen und Teilhabe macht Kommunen zukunftsfest

Kategorie:Pressemitteilungen
Datum:25. Mär 2009

Um Altenhilfe zukünftig weiter finanzierbar und bedarfsgerecht zu gestalten, braucht die kommunale Seniorenpolitik eine Neuausrichtung. Vorschläge dazu stellte das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) heute auf einer Presse­konferenz in Nürnberg vor;

Nürnberg (KDA) - 25. März 2009 - Um Altenhilfe zukünftig weiter finanzierbar und bedarfsgerecht zu gestalten, braucht die kommunale Seniorenpolitik eine Neuausrichtung. Vorschläge dazu stellte das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) heute auf einer Presse­konferenz in Nürnberg vor; denn die Kommunen in Deutschland stehen vor enormen Heraus­forderungen, wenn sie eine moderne und angemessene Infra- und Versorgungsstruktur für ihre älteren Bürgerinnen und Bürger sicherstellen wollen. Derzeit reagieren sie noch zu häufig mit dem Ausbau professioneller und vor allem stationärer Versorgungsstrukturen. „Ein Weg, der mit sehr vielen Risiken behaftet ist", beurteilte KDA-Geschäftsführer Dr. Peter Michell-Auli die Lage. „Nicht nur, weil der einseitige Ausbau an den Bedarfen der Senioren vorbeigeht - das klassische Alten- und Pflegeheim hat in den vergangenen Jahren bei der älteren Bevölke­rung stark an Akzeptanz verloren -  sondern auch, weil dieser Weg auf Dauer kaum noch zu finanzieren ist." Denn ein immer größerer Teil der Kosten für die vollstationäre Dauerpflege werde von den Kommunen als örtlicher Soziahilfeträger übernommen werden müssen, da viele Heimbewohnerinnen und -bewohner aufgrund gestiegener Eigenanteile bei den Pflege­sätzen zukünftig mehr auf Sozialhilfe angewiesen sein würden. „Nach Berechnungen, die uns aus einzelnen Kreisen vorliegen, entsteht den Kommunen das Zwei- bis Dreifache an Mehr­kosten für Unterstützungsleistungen bei ‚Hilfe zur Pflege', wenn sie weiterhin auf den einsei­tigen Ausbau professioneller Versorgungsstrukturen setzen", so Michell-Auli weiter.

Überangebot und mangelnde Auslastung bei der stationären Altenhilfe
Er wies auch darauf hin, dass es in einigen Regionen Deutschlands - hervorgerufen durch einen regelrechten Immobilienboom in diesem Marktsegment - mittlerweile Überkapazitäten im Heimbereich gebe. So würde beispielsweise in Bayern kein Pflegeheimbau mehr gefördert werden, weil der Bedarf dort gedeckt sei. In Niedersachsen habe man in manchen Regionen mit bis zu 20 Prozent an Überkapazitäten zu kämpfen. Das Überangebot drückt auf die Aus­lastung. „In einzelnen Landkreisen geht die Auslastung schon mal unter 70 Prozent und erhöht damit die Insolvenzgefahr", erklärte der KDA-Geschäftsführer. „Wir haben in letzter Zeit regelmäßig Hilferufe von Kommunen erhalten, wie sie die Bauvorhaben privater Investoren verhindern könnten, da diese am Bedarf vor Ort vorbeigehen."
Darauf hat das KDA reagiert und ein „Eckpunktepapier für eine Neugestaltung der kommu­nalen Seniorenpolitik" vorgelegt, das Kommunen dabei unterstützen will, ihre Seniorenpolitik zukunftsweisend auszurichten. „Es geht dabei um einen Paradigmenwechsel", erklärte die KDA-Sozialwissenschaftlerin Ursula Kremer-Preiß. „Weg von der Schaffung reiner Versor­gungsstrukturen, stattdessen hin zur Stärkung des ‚normalen Wohnens' und zur Stärkung von Mitwirkung und Teilhabe. Das sind die wesentlichen Elemente einer quartiersbezogenen Altenhilfe und Seniorenpolitik, die sowohl den Wünschen und Bedürfnissen der meisten Bür­gerinnen und Bürgern entspricht als auch die Kommunen entlastet." Es komme zukünftig auf dezentrale Strukturen an. Das beträfe zum einen die Versorgungsangebote, die kleinteilig organisiert werden sollten, damit sich ältere Menschen darin orientieren und damit identifizie­ren könnten. Zum anderen gehe es um eine kleinräumige Organisationsstruktur. Diese sichere den sozialen Zusammenhalt und sei eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung von Eigeninitiative und generationenübergreifender gegenseitiger Hilfe, die in Zukunft so dringend benötigt werde. „Wir kennen schon eine Reihe von Kommunen, die sich in diese Richtung auf den Weg gemacht haben. Wir wissen aber auch, dass der Weg für eine solche Umstrukturie­rung nicht einfach ist", so Kremer-Preiß weiter.

Erfahrungen aus zwei Kommunen
Letzteres zeigt das Beispiel der 65.000-Einwohner-Stadt Kerpen in NRW. Im größten Stadtteil Sindorf mit 16.000 Einwohnern wollte man die Versorgungssituation pflegebedürftiger Senio­rinnen und Senioren sicherstellen. Favorisiert wurde hier auf  Grundlage der vom Rat verab­schiedeten Seniorenleitlinien eine Pflegeeinrichtung mit kleinteiligem Angebot und begrenzter Platzzahl. Als Standort war ein an S-Bahn und Zentrum direkt angebundenes Grundstück vor­gesehen, das einen kleineren Bau mit maximal 35 Plätzen zuließ. Die Investorensuche gestal­tete sich aber schwierig, weil der Bau einer Einrichtung mit weniger als 80 Plätzen für unren­tabel gehalten wurde. Es gab lediglich einen Investor, der eine 80-Betten Einrichtung etwa einen Kilometer außerhalb des Stadtteilzentrums von Sindorf bauen wollte. „Auf dieser Grundlage entfachte sich eine politische Kontroverse über die Standortwahl und notwendige Anzahl von Pflegeplätzen im Ortsteil, berichtete Hans Maus, Abteilungsleiter für Senioren, Behinderte und soziale Hilfen der Stadt Kerpen. „In dieser etwas verfahrenen Situation kamen wir aber glücklicherweise auf die Idee, uns zur Entscheidungsfindung die Haltung des als politisch neutral anerkannten KDA anzuhören. Und die von Frau Kremer-Preiß vorgetragenen Argumente haben überzeugt", freute sich Hans Maus. „Heute besteht ein parteiübergreifender Konsenz darüber, die Weichen in Kerpen auf einen Pflege-Mix mit kleinteiligen, vernetzten Wohn- und Versorgungsstrukturen umzustellen. Am Beispiel des Ortsteils Sindorf wollen wir nun ein umsetzungsfähiges Konzept für das Leben und Wohnen im Quartier erarbeiten."
Auf kleinräumige Netzwerkstrukturen setzt die Stadt Dortmund schon seit 2005 und fährt erfolgreich damit: Zwölf hauptamtlich geführte Seniorenbüros in allen Dortmunder Stadt­bezirken bringen mit Unterstützung der in jedem Bezirk inzwischen vorhandenen „Runden Tische für Altenarbeit" in der Ruhrgebietsstadt alle Akteure der jeweiligen Stadtbezirke zusammen, um vor Ort enge Altenhilfenetze zu knüpfen. „Wir sind schon stolz darauf, dass in Zusammenarbeit von Kommune, Wohlfahrtsverbänden, bürgerschaftlich Engagierten und weiteren inzwischen über 700 Akteuren wie zum Beispiel Polizei und Lebensmittelgeschäften eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Wohle der älteren Menschen entstanden ist", so Diplom-Sozialwissenschaftler Reinhard Pohlmann, Bereichsleiter für Senioren der Stadt Dortmund. „Viele Ratsuchende wundern sich, wie viele Möglichkeiten es in Dortmund gibt, trotz Pflegebedarf zu Hause gut versorgt zu werden und damit den vorzeitigen Einzug ins Pflegeheim zu vermeiden." Die zukunftsweisende Seniorenarbeit zeigt Wirkung: „Unsere rund 35.000 Kundenkontakte im letzten Jahr haben meistens dazu geführt, dass ein Heimeinzug vermieden wurde", berichtete Pohlmann. Die Dortmunder haben den Eindruck, dass sich ihr Konzept bei Investoren für neue Pflegeheime scheinbar herumspricht: Die Anfragen sind spürbar zurückgegangen.

Kontakt:
Ines Jonas und Harald Raabe
Fon: 02 21/93 18 47-19 oder -39
E-Mail: publicrelations@kda.de